Kommunalka


Konzept


Ballhaus Ost Berlin 2010

 

 

mit TATJANA GOLA, REX JOSWIG, TOBIAS KILIAN, LAURA PARKER, IRINA PLATON, JULIA REZNIK, PETER TRABNER, IVAN VRGOC, sowie GUIDO PLONSKI und PIT SCHULTZ (HERBSTRADIO), KRZYSTOF NIEWRZEDA (LITERAT), LUDEK PESEK PACHL (REBELART), SKAZKA ORCHESTRA, CHOR und ANDEREN AKTIVISTEN

Leitung RALF GRUNWALD, JÜRGEN SCHULTZ Räume HENDRIK SCHEEL Kleider DARIA KORNYSHEVA Autor HANS HENNER HESS

EIN PROJEKT VON KOMMUNALKA E.V. IN KOOPERATION MIT DEM BALLHAUS OST

GEFÖRDERT DUCH DEN HAUPTSTADTKULTURFONDS UND DIE ALLIANZ KULTURSTIFTUNG


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dradio.de:

Ein Osteuropa-Spektakel im "Ballhaus Ost" in Berlin

Von Dirk Fuhrig

"Kommunalka" ist eine Art Wohngemeinschaft auf Russisch, eingeführt um die Wohnungsnot im Sowjetreich zu bekämpfen. "Kommunalka" heißt der Verein, der in Berlin Kunst- und Theaterprojekte veranstaltet. Im "Ballhaus Ost" im einstigen Ost-Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg hat "Kommunalka" nun drei Tage lang ein Osteuropa-Spektakel veranstaltet.

"Guten Tag, kommen Sie rein, kommen Sie alle rein, nehmen Sie Platz."
Freundliche Schwestern laden zur Geburtstagkaffee-Tafel. Drei Schwestern sind es natürlich. Die von Tschechow.
"Sollte Olga, Geburtstagskind, Sie fragen, ob Sie aus Moskau sind, denken Sie sich was aus. Sagen Sie nicht, dass Sie noch nie in Moskau waren. Sie hat so einen Moskau-Kult."
So wie sich Tschechows Schwestern nach Moskau sehnen, hinweg aus dem elendigen Provinzleben, so sehnt sich halb Osteuropa nach dem Westen. Nach Deutschland, nach Berlin.
"Wie Kolumbus. Richtung Westen und dann immer gerade aus, der neuen Welt entgegen. - Warum sind wir nicht lieber zu Hause geblieben?"
Die russische, polnische, rumänische, bulgarische und so weiter Künstler- und Theater-Gemeinden haben sich zusammengeschlossen und feiern im Ballhaus Ost das fröhliche Kommunen-Leben: Kommunalka - WG auf Russisch. Hier: ein Osteuropa-Spektakel. Mit Singen und Tanzen, mit Wodka und Piroggen, mit heiligen Figürchen und brodelnden Teekannen. Badelatschen, Jogginghosen aus feiner Fallschirmseide. Dicke Bäuche, Trägerhemden, Dauer-TV.
Durch alle Räume des Hinterhof-Schuppen-Idylls in Berlin-Prenzlauer Berg zieht ein verführerischer Duft: Gebratenes, frisch aus der Pfanne. Wie bei Muttern. Draußen: ein Gemüsegärtchen: dicke, saftige, grüne Kohlköpfe, schön ordentlich in einer Reihe. Im Gleichschritt marschiert auch das unformierte Ordnerinnen-Ballett, das die Besucher durch das theatrale Labyrinth dirigiert. Soldatisch, zackig - spätsozialistisch, volksarmistisch.
"Hast Du Mama gesehn? ... Mama!!!"
... schreit es von der Bühne im großen Saal des "Ballhaus Ost", auf der Szenen aus dem Leben einer hemdsärmeligen Emigranten-Familie gezeigt werden.
"Papa, wie lang fahrn wir denn noch? - Solange bis das Wasser sauber ist, mein Sohn ? - Gibt es denn im Westen keine Chemiewerke? - Aber das kommt das Wasser sauberer raus, als es reingeflossen ist. - Bei uns war sogar das Grundwasser verseucht - Ich erkläre Dir was: Die Demokratie, mein Sohn, ist die Fortsetzung der Diktatur mit effektiveren Mitteln."
Schauspieler spielen, Orchester musizieren, Händler handeln, Köchinnen kochen. Zuschauer schauen und sind Teil der Show - die berlinisch-osteuropäische Wohngemeinschaft inszeniert sich als musikalisch-dadaistische, verkruschelte, Big-Brother-mäßig voyeuristische Collage aus dem wahren Leben. Eine Reihe von Interviews mit Glückssuchern aus dem Osten gab die Grundlage für diese gut gelaunte Performance des Vereins " Kommunalka e.V." Warum sind wir hier? Was wollen wir, was suchen wir? - Dazu literarische Fetzen.
" Hier ist das Scheisshaus Europas.. Napoleon, Stalin, Hitler, wie sie alle heißen ... der Friede ist ein Geschenk des Himmels ... Antifaschisten."
Man kann nicht alles verstehen, was hier passiert - gleichzeitig, nacheinander, übereinander. Im Saal und in der Garderobe, im Sauna-Keller, hinter der Klotür, draußen vor der Tür. Man muss auch nicht alles verstehen. Man soll schauen, hören, staunen. Auch: sich auch einfach gut fühlen in dem chaotischen Idyll, mit den freundlichen Menschen mit osteuropäischem Akzent. Dafür geben die Kommunalkas ihr Bestes:
"Gesang ist verbunden mit Liebe. Con amore, mit Liebe. Haben Sie Fragen? Haben Sie psychologische Probleme? - Können Sie mir was vorsingen? Ein Wiegenlied? - Ein Wiegenlied? Okay. Ich bin Spezialist in Wiegenlied."
Ambiente-Theater, Wohlfühl-Theater. Sinnlich, verführerisch - und vielfältig, so wie die Hunderttausende Osteuropäer, die das Leben in Berlin mitprägen. Manche behaupten ja, Berlin sei die westlichste Stadt Osteuropas. Stimmt nicht: Tritt man aus der Kommunalka raus auf die Pappelallee, steht man direkt vor einer Bastion der früheren Bundesrepublik: dem Suhrkamp-Verlag, gerade aus Frankfurt am Main hierher gezogen, angesaugt vom großen Heils-Versprechen der Metropole. In Berlin-Prenzlauer Berg ist auch der gute alte Westen angekommen.